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Schlangengifte

I. Allgemeine Toxikologie

1. Chemisch-physikalische Eigenschaften

Das Schlangengift einheimischer Schlangen enthält vor allem Proteasen, Phospholipasen, Hyaluronidasen und neurotoxische Peptide.
 

2. Quellen

Schlangenbisse treten vor allem in den Monaten Mai bis September auf.
In unseren Regionen sind drei Vertreter der Familie der Vipern (Viperidae) und eine Trugnatter aus der Familie der Nattern (Colubridae) von Bedeutung: Die einheimische Kreuzotter (Vipera berus) und die Aspisviper (Vipera aspis), sowie die südlich der Alpen vorkommende Sandotter (Vipera ammodytes) und die Trugnatter (Europäische Eidechsennatter - Malpolon monspessulanus). Diese Schlangen produzieren und speichern ihr Gift in modifizierten, mit den Giftzähnen verbundenen Speicheldrüsen. Beim Biss drückt die Kiefermuskulatur die Drüsen aus und das Sekret tritt durch einen Kanal oder Kerbe des Zahnes in die Wunde.
 

3. Toxisches Prinzip

Die Symptome des Vipernbisses werden vor allem durch Proteasen, Phospholipasen und Hyaluronidasen bestimmt.
-Die Proteasen hemmen die Blutgerinnung, erhöhen die Gefässpermeabilität und aktivieren das Kininsystem.
-Die Phospholipasen können neurotoxische, myotoxische und hämolytische Wirkungen entfalten. Die myotoxischen Phospholipasen tragen zusammen mit den Proteasen zum lokalen Gewebsuntergang bei.
-Die Hyaluronidasen bewirken eine rasche Ausbreitung der Gifte im Gewebe und damit eine schnelle Aufnahme in die Lymphgefässe.
In geringerem Ausmass bilden die Vipern Neurotoxine, die selektiv mit den n-Cholinozeptoren neuromuskulärer Synapsen reagieren und dadurch die Bindung von Acetylcholin blockieren.
Die Viperngifte lösen somit drei Symptomenkomplexe aus:
-Eine Gerinnungsstörung, die sich als Thrombose und Verbrauchskoagulopathie äussert.
-Einen Kreislaufschock
-Eine lokale Gewebeschädigung, die zu Schwellung und Schmerzen führt.
Die Kreuzottern produzieren nur wenig Gift und können höchstens für Kleintiere gefährlich sein. Die Sandotternbisse verursachen eine lokale Reaktion mit Schwellung, Schmerzen, nachfolgenden Nekrosen und Kreislaufkollaps.
Der Biss der Trugnatter kann für kleinere Haustiere bedrohlich sein, da neben Schwellung und Ödemen mit neurotoxischen Symptomen wie Lähmung und Atemnot zu rechnen ist.
 

II. Spezielle Toxikologie - Kleintier

1. Toxizität

Unterschiedlich, je nach Schlangenart und Zeitraum bis zur Behandlung.
 

2. Latenz

Wenige Minuten
 

3. Symptome

3.1Allgemeinzustand, Verhalten
Schwäche
  
3.2Nervensystem
Taumeln
  
3.3Oberer Gastrointestinaltrakt
Erbrechen
  
3.4Unterer Gastrointestinaltrakt
Durchfall, eventuell blutig
  
3.5Respirationstrakt
Tachypnoe
  
3.6Herz, Kreislauf
Tachykardie, Arrhythmie
  
3.7Bewegungsapparat
Keine Symptome
  
3.8Augen, Augenlider
Keine Symptome
  
3.9Harntrakt
Keine Symptome
  
3.10Haut, Schleimhäute
Bissstelle: schmerzhafte lokale Entzündung, Oedembildung
  
3.11Blut, Blutbildung
Hämolytische Anämie, disseminierte intravasale Gerinnung (DIC)
  
3.12Fruchtbarkeit, Jungtiere, Laktation
Keine Symptome
 

4. Sektionsbefunde

Nachweis der Bissstelle, Abstand der Bisslöcher 6-10 mm.
 

5. Weiterführende Untersuchungen

Veränderte Laborwerte: Leukozytose (Neutrophilie), Thrombozytopenie, verzögerte Blutgerinnung, Leberenzyme (ALT, AST) erhöht, Kreatinin- und Harnstofferhöhung
 

6. Differentialdiagnosen

Bisse oder Schockursachen anderer Genese.
 

7. Therapie

7.1Sofortmassnahmen
-Ruhigstellung der Extremität: Eventuell mit Schiene, da nach unmittelbarer Aktivität schwerere Verläufe zu beobachten sind. Eventuell kühlende Umschläge (kein Eis).
-Extremität nicht abbinden: Ein späteres Ödem wird sonst verschlimmert. Ausserdem drohen ernsthafte Allgenmeinsymptome durch massive Giftanschwemmung, wenn der venöse Stau geöffnet wird.
-Kontraindiziert sind alle Manipulationen an der Bissstelle wie: Aussaugen, Einschneiden oder lokale Chemikalien- oder Medikamenteninfiltration.
 
7.2Spezifische Therapie
-Schockbehandlung: Infusionstherapie mit Ringerlaktat-Lösung; Adrenalin, auch bei eventueller Antiserumunverträglichkeit, 0.5-1.0 µg/kg Körpergewicht in Dauertropf oder intramuskulär; Heparin, bei Gefahr einer disseminierten intravasalen Gerinnung, als Zusatz zur Infusionslösung: Anfangs 100 IU/kg Körpergewicht/Stunde, danach Reduktion auf 30-50 IU/kg Körpergewicht/Stunde.
-Antihistaminika: Diphenhydramin 0.5-1.0 mg/kg Körpergewicht s.c. oder i.v.
-Breitspektrumantibiotika: Nach Wahl: Tetrazykline 3-4mal täglich 25 mg/kg p.o.; Cephalexin 2-3mal täglich 25 mg/kg; Amoxicillin 3-4mal täglich 20 mg/kg p.o.; Ampicillin 3-4mal täglich 20 mg/kg p.o. oder Chloramphenicol 3-4mal täglich 50 mg/kg p.o.
-Polyvalentes Schlangengiftantiserum: Ein bis zwei Ampullen à 10 ml i.v. oder i.m. (nicht umspritzen! Nebenwirkungen!) innerhalb von sechs, höchstens 10 Stunden. Vorgängig Allergietest: 0.1 ml 1:10 verdünntes Antiserum intrakutan oder in den Konjunktivalsack, 15 Minuten warten, eine starke Rötung und Schwellung spricht für allergische Reaktion. Die Antiserumgabe wird in der Humanmedizin nur bei schwerer Symptomatik empfohlen. Mögliche Spätreaktion (8-10 Tage nach Injektion): Gelenkschmerzen und Nierenversagen.
-Glucocorticoide (bei allergischer Reaktion durch das Antiserum oder bei wiederholtem Biss): Prednisolon, erste Dosis 5-10mg/kg Körpergewicht i.v., einmalig wenn danach symptomlos, sonst 1 mg/kg Körpergewicht zweimal täglich während 3-5 Tagen, danach ausschleichen bis zum 10. Tag.
 

8. Literaturverzeichnis

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