2. Quellen
Dinitrophenole werden als Herbizide, Fungizide und Insektizide eingesetzt. Eine unkontrollierte Aufnahme dieser Verbindungen erfolgt meistens aufgrund fehlerhafter Lagerung, Nichteinhaltens der Anwendungsvorschriften oder akzidentellen Besprühens der Tiere.
Dinitrophenole wurden früher auch als Explosivstoffe und Abmagerungsmittel vermarktet.
3. Kinetik
Dinitrophenole können auf Grund ihrer Lipidlöslichkeit sowohl oral, als auch über die Haut oder die Lungen resorbiert werden. Im Blut findet ein starke Bindung an das Serumalbumin statt. Die Ausscheidung erfolgt teils in unveränderter Form und teils metabolisiert über den Harn. Beträchtliche Anteile werden auch über die Faeces ausgeschieden.
Die Elimination aus dem Körper erfolgt jedoch langsam und dauert etwa 3-4 Wochen.
4. Toxisches Prinzip
Dinitrophenole verursachen an ihrer Eintrittsstelle in den Körper lokale Reizungen der Haut oder Schleimhäute.
Die dominierende toxische Wirkung der Dinitrophenole ist die Entkopplung der oxidativen Phosphorylierung: die ATP-Bildung in den Zellen erfolgt durch oxidative Phosphorylierung an 3 Stellen entlang der mitochondrialen Atmungskette. Unter normalen Bedingungen sind diese zwei Prozesse (oxidative Phosphorylierung und Atmungskette) miteinander gekoppelt, das Durchlaufen der Atmungskette führt somit zwangsläufig zur Bereitstellung von ATP. In der Gegenwart von Dinitrophenolen werden oxidative Phosphorylierung und Atmungskette jedoch entkoppelt. Als Folge kann die in der Atmungskette anfallende Energie nicht mehr in verwertbarer Form gespeichert werden, sie wird als Abwärme ungenutzt abgegeben.
Die aufgrund des gesteigerten Energieumsatzes vermehrte Glykolyse führt zur metabolischen Azidose infolge gesteigerter Milchsäurekonzentration im Blut des Tieres.
Bei Wiederkäuern kann zusätzlich eine Umwandlung der Dinitroverbindungen in methämoglobinbildende Metaboliten durch die Pansenflora erfolgen.
5. Toxizität bei Labortieren
Akute orale LD50 (in mg/kg Körpergewicht):
| Maus | Ratte | Kaninchen | Huhn |
2-Cyclohexyl-4,6-Dinitrophenol | 50 | 65 | | |
Dinitramin | | 3'000 | | |
Dinitroorthocresol (DNOC) | 24 | 25-40 | 45 | 26 |
Dinitrobutylphenol (Binapacryl) | 1'600-3'200 | 58-63 | | |
2,4-Dinitrophenol (DNP) | | 30 | | |
Dinocap | | 980-1'190 | | |
Dinoseb (DNBP) | 16 | 27-50 | | 26-40 |
Dinosebacetat | | 55-65 | | |
Dinoterb | 19.5-25 | 26-62 | 25-35 | |
Disophenol | 212 | 170 | | |
Nitralin | > 2'000 | > 6'000 | > 2'000 | |
Die Toxizität der Dinitrophenole wird durch höhere Umgebungstemperaturen beträchtlich verstärkt.
II. Spezielle Toxikologie - Kleintier
1. Toxizität
Es liegen nur vereinzelt spezifische Angaben zur Toxizität der Dinitrophenole bei Hund und Katze vor.
Für den Hund: DNOC 50 mg/kg Körpergewicht; Dinocap 100 mg/kg.
2. Latenz
Die Latenzzeit kann bei akuten Vergiftungen einige Minuten bis einige Stunden betragen. Wegen der Anreicherung der Dinitrophenole im Organismus ist eine Vergiftung auch nach chronischer Belastung möglich.
3. Symptome
3.1 | Allgemeinzustand, Verhalten |
| Die typischen Merkmale der Dinitrophenolvergiftung sind Schwäche, Müdigkeit, Ataxie in Verbindung mit Hyperthermie und starkem Durst. |
|
3.2 | Nervensystem |
| Paresen, Muskelschwäche, manchmal Konvulsionen im Agoniestadium |
|
3.3 | Oberer Gastrointestinaltrakt |
| Gelb-orange Verfärbung der Mundhöhle (Differentialdiagnose: Ikterus), Hypersalivation |
|
3.4 | Unterer Gastrointestinaltrakt |
| Kolik, Durchfall, gelb-oranger Kot |
|
3.5 | Respirationstrakt |
| Tachypnoe |
|
3.6 | Herz, Kreislauf |
| Tachykardie |
|
3.7 | Bewegungsapparat |
| Keine Symptome |
|
3.8 | Augen, Augenlider |
| Keine Symptome |
|
3.9 | Harntrakt |
| Oligurie, Proteinurie, gelber, gelb-grüner manchmal brauner Harn |
|
3.10 | Fell, Haut, Schleimhäute |
| Gelb-orange Verfärbung der Haut oder Schleimhäute (Differentialdiagnose: Ikterus) |
|
3.11 | Blut, Blutbildung |
| Keine Symptome |
|
3.12 | Fruchtbarkeit, Jungtiere, Laktation |
| Keine Symptome |
4. Sektionsbefunde
Bei der Sektion finden sich keine charakteristischen Befunde ausser einer möglichen Gelbfärbung von Fell, Haut oder Schleimhäuten. Auch die Harnblase oder der Urin können gelb oder gelb-grün verfärbt sein. Zu erwarten ist ferner ein ungewöhnlich schneller Eintritt der Totenstarre.
5. Weiterführende Diagnostik
- | Der Nachweis der Dinitrophenole in Futterresten, Mageninhalt, Harn oder Serum ist mittels Gaschromatographie möglich. |
6. Differentialdiagnose
Es besteht die Gefahr von Verwechslungen mit
- | Infektionskrankheiten (zum Beispiel Tollwut) sowie |
- | Vergiftungen durch Carbamate, Organophosphate oder chlorierte Kohlenwasserstoffe. |
- | Die Gelbfärbung der Schleimhäute könnte einen Ikterus vortäuschen. |
7. Therapie
- | Provozierte Emesis |
- | Sofern guter Schluckreflex: wiederholte Verabreichung von Aktivkohle mit einem Laxans, z.B. Carbodote, Trinklösung (24 g Carbo activatus/100 ml) oder Carbovit® (15 g Carbo activatus/100 ml) |
- | Bei Hautkontakt mit Detergens abwaschen |
7.3 | Weitere symptomatische Massnahmen |
- | Verabreichung von Atropin |
8. Fallbeispiele
8.1 | Zwei Setter waren durch eine ländliche Gegend gestreunt. |
| Ein Hund starb auf dem Weg zum Tierarzt, der andere wurde mit Tachypnoe, Ataxie und einer auffallend gelben Flüssigkeit im Fell vorgestellt. Nach einer Atropinverabreichung starb auch der zweite Hund. Die gelbe Flüssigkeit konnte als Dinoseb-Konzentrat identifiziert werden (Fikes et al., 1989). |
|
8.2 | Ein Hund (6 Jahre, 36 kg, männlich) hat eine unbekannte Menge von Dinoseb aufgenommen. |
| Symptome: Unruhe, Hyperthermie, Hypersalivation, Tachypnoe, Tachykardie, Erbrechen |
| Therapie: Emesis, Infusionen, Kühlung |
| Verlauf: Besserung ohne weitere Komplikationen |
| (Tox Info Suisse). |
9. Literatur
Fikes JD, Lovell RA & Metzler M (1989) Dinoseb toxicosis in two dogs. J Am Vet Med Assoc 194, 543-544
Humphreys DJ (1988) Veterinary Toxicology, Baillière Tindall, London, pp 136-137
Kühnert M (1991) Vergiftungen durch Pflanzenschutzmittel, Schädlingsbekämpfungsmittel und Mittel zur biologischen Prozesssteuerung. In: Veterinärmedizinische Toxikologie (M Kühnert, ed) Gustav Fischer, Jena, pp 98-189
Lorgue G, Lechenet J & Rivière A (1987) Précis de Toxicologie Clinique Vétérinaire, Édition du Point Vétérinaire, Maisons-Alfort, pp 90-93
Perkow W (1988) Wirksubstanzen der Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel. Parey Verlag, Berlin
Windholz M (1983) The Merck Index, Merck & Co, Rahway, New Jersey